So kam die Fernwärme von New York nach Wien

Wien in den 1960er Jahren: Im Radio läuft Rock´n´Roll und die ersten Hochhäuser werden gebaut. In dieser Zeit des Aufbruchs soll auch die Wärmeversorgung der Stadt modernisiert werden – mit einer flächendeckenden Fernwärmeversorgung.
Aktualisiert am: 22.11.2023
Draußen parkt ein farbenfroher Fernwärme-Bus mit Schachbrettmuster, kräftigem Textdesign und auffälligen roten Akzenten.

Zwanzig Geschosse, zwei Lifte, Terrazzoböden auf allen Ebenen, großzügig verspiegelte Wände und eine Bar auf der Dachterrasse: Der erste städtische Wolkenkratzer Wiens, das Matzleinsdorfer Hochhaus, war bei der Eröffnung 1957 eine Sensation. Das Haus beherbergt mehr als 100 Wohnungen. „Vom Restaurant im obersten Stock konnte man damals die ganze Stadt überblicken. Ein Ort in dieser Höhe, zu dem auch die Öffentlichkeit Zugang hatte, war damals einzigartig“, sagt der Historiker und Stadtforscher Peter Payer.

Und noch etwas anderes war am Matzleinsdorfer Hochhochhaus ganz besonders: es war eines der ersten Gebäude Wiens, das mit Fernwärme geheizt wurde.

Glaube an den Fortschritt

Das Schwarzweißbild zeigt das Flötzersteig Gebäude mit einem hohen Schornstein. Im Vordergrund befindet sich eine leere Straße.
Flötzersteig historisch

In Wien Anfang der 1960er Jahre sah es so aus: Die Menschen tanzten zu Rock´n´Roll, am Schottentor wurde die Straßenbahnschleife „Jonas Reindl“ (benannt nach dem damaligen Bürgermeister Franz Jonas) errichtet und das Gartenbaukino öffnete seine Pforten. Es war eine Zeit, in der die Wiener*innen an den Fortschritt glaubten. Es entstanden neue Verkehrsknotenpunkte, moderne Wohnsiedlungen und die Stadt öffnete sich international. „Man hatte zu dieser Zeit in Wien den Anspruch, etwas Modernes zu machen. Das Schöne, aber vor allem die Funktionalität standen im Mittelpunkt“, sagt Stadtforscher Payer. „Man wollte wieder Ordnung in alle Bereiche des Lebens bringen, auch in die Stadtplanung.“ 

Neue Wege bei Stadtplanung und Energieversorgung

Kraftwerk Simmering bei Kohlenförderung

In den 1960er Jahren entstand deswegen eine neue Ästhetik, die zwar keinen Epochenbruch darstellte, aber auf eine behutsame Art die moderate Moderne symbolisierte. Am Stadtrand wurden erstmals große, geschlossene Wohnbauten errichtet, die zentral mit Heizwärme versorgt werden sollten. So wurden zentralen Heizwerke (sogenannte Blockheizwerke und Heizzentralen) errichtet, während im Großteil der Wiener Wohnungen noch hauptsächlich mit Kohle- und Gasöfen geheizt wurde. Ein Beispiel ist die 16-geschossige Wohnhausanlage am Eisenstadtplatz in Favoriten, das über ein Kesselhaus am Dach verfügte und 1964 fertig gestellt wurde. 

Fernwärme-Pioniere aus den USA

Ein zusammenhängendes Fernwärmenetz war anfangs aufgrund der hohen Kosten in Wien noch kein Thema. Erst in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre wurde dieses Thema spruchreif. Die Idee zur Fernwärme stammt ursprünglich aus den USA: In Lockport, New York, baute der Technik-Pionier Birdsill Holly bereits 1867 die weltweit erste Stadtheizung. Sein Patent zur Verwertung des Abdampfes zur gleichzeitigen Gewinnung von Strom und Wärme machte weltweit Schlagzeilen und die Idee verbreitete sich rasch – auch bis nach Wien. Als Vordenker der Fernwärme in Wien gilt Franz Swaty, der damals die Magistratsabteilung 32 leitete.

Flächendeckende Fernwärmeversorgung für Wien

Das Heizkraftwerk ist geprägt von großen Maschinen, ineinander verschlungenen Rohren und hoch aufragenden Metallstrukturen.
Unter der Brücke herrscht auf einer Baustelle reges Treiben. Sie ist mit Firmenschildern und Logos geschmückt, darunter prominent die „Baustelle Fernwärmewerk Spittelau“.
Personen, die in einem Kontrollraum - der Warte -  mit mehreren Computermonitoren arbeiten, auf denen verschiedene Daten und Diagramme angezeigt werden.
Das Heizkraftwerk ist geprägt von großen Maschinen, ineinander verschlungenen Rohren und hoch aufragenden Metallstrukturen.
Unter der Brücke herrscht auf einer Baustelle reges Treiben. Sie ist mit Firmenschildern und Logos geschmückt, darunter prominent die „Baustelle Fernwärmewerk Spittelau“.
Personen, die in einem Kontrollraum - der Warte -  mit mehreren Computermonitoren arbeiten, auf denen verschiedene Daten und Diagramme angezeigt werden.
Das Heizkraftwerk ist geprägt von großen Maschinen, ineinander verschlungenen Rohren und hoch aufragenden Metallstrukturen.
Unter der Brücke herrscht auf einer Baustelle reges Treiben. Sie ist mit Firmenschildern und Logos geschmückt, darunter prominent die „Baustelle Fernwärmewerk Spittelau“.
Personen, die in einem Kontrollraum - der Warte -  mit mehreren Computermonitoren arbeiten, auf denen verschiedene Daten und Diagramme angezeigt werden.
Das Heizkraftwerk ist geprägt von großen Maschinen, ineinander verschlungenen Rohren und hoch aufragenden Metallstrukturen.
Unter der Brücke herrscht auf einer Baustelle reges Treiben. Sie ist mit Firmenschildern und Logos geschmückt, darunter prominent die „Baustelle Fernwärmewerk Spittelau“.
Personen, die in einem Kontrollraum - der Warte -  mit mehreren Computermonitoren arbeiten, auf denen verschiedene Daten und Diagramme angezeigt werden.

Mitte der 1960er Jahre standen in der Wiener Stadtplanung zwei große Vorhaben auf der Agenda: Das Allgemeine Krankenhaus sollte mit einer zentralen Wärmeversorgung gebaut werden und eine Lösung für die steigenden Abfallmengen der Stadt musste gefunden werden. Warum also nicht beides verbinden und damit Kosten für Heizöl und Gas einsparen? Das war der Startschuss für  das neue Fernwärmewerk in der Spittelau, wo Abfall thermisch behandelt und die Abwärme für Fernwärme im größeren Maßstab genutzt werden sollte. 1965 legte Franz Swaty ein Konzept für eine flächendeckende Fernwärmeversorgung in Wien vor. Vier Jahre später wurden die Heizbetriebe Wien (HBW) gegründet, die später zu Wien Energie wurden. 

Fernwärme für die umweltfreundliche Wärmeversorgung Wiens

Bildaufteilung: links ein rauchender Schornstein, rechts ein mit einer goldenen Kugel verzierter Schornstein.
Vergleich Abfallverwertungsanlage Spittelau vor und nach dem Brand.

Bei der Unternehmensgründung der Heizbetriebe Wien gab es bereits 27 Kilometer Fernwärmeleitungen, fünf Blockheizwerke und 17 kleinere Heizzentralen. Damit konnten 13.000 Wohnungen und einige Großprojekte versorgt werden. Und das Netz wuchs in den darauf folgenden Jahren recht schnell: 1978 wurde die 50.000. Wohnung angeschlossen. 1989 waren es bereits 93.000 Wohnungen und das Leitungsnetz war mehr als 300 Kilometer lang. Heute zählt das Wiener Fernwärmenetz mit 1.300 Kilometern zu einem der längsten Netze Europas. Es versorgt rund 470.000 Haushalte. Und es sollen noch mehr werden.

Die Zukunft der Fernwärme wird vor allem von einem großen Ziel geleitet: Wien will bis 2040 klimaneutral sein. Das bedeutet, dass es bis dahin mehr klimaneutrale Wärmequellen und generell mehr Fernwärmeproduktion braucht. Bis 2040 sollen rund 56 Prozent des Wärmebedarfs in Wien durch Fernwärme gedeckt werden. Derzeit sind es rund 40 Prozent. Und um die Fernwärme zu dekarbonisieren, investiert Wien Energie in alternative Wärmequellen wie Tiefengeothermie und nutzt im großen Stil Abwärme von industriellen Prozessen. Ein Beispiel: Beim Süßwarenhersteller Manner in Hernals wird die Abwärme der Produktion für die Fernwärme weitergenutzt – Stichwort „Wärmerecycling“. Nach diesem Prinzip zapft Wien Energie viele neue Quellen an, wie etwa Rechenzentren oder Kläranlagen. 

Seit wann gibt es Fernwärme in Wien? » New York als Vorbild