Fernwärme Kühlung: So funktioniert Fernkälte
Kühlen wie heizen – nur umgekehrt: Bei der Fernkälte wird kaltes Wasser über ein Leitungsnetz zu Gebäuden transportiert und sorgt dort für angenehme Temperaturen.
Fernkälte: Das Wichtigste auf einen Blick
- Fernkälte ist eine modernee Kühlmethode, bei der kaltes Wasser über ein Leitungsnetz zu den Gebäuden transportiert wird.
- Die Kälte wird in zentralen Anlagen mit hocheffizienten Kältemaschinen erzeugt.
- Dabei kommen Absorptionskältemaschinen (mit thermischer Energie) und Kompressionskältemaschinen (elektrisch betrieben) zum Einsatz.
- Die Technologie nutzt Abwärme aus Müllverbrennung und speist an anderen Stellen auch ins Fernwärmenetz ein.
- Keine Rückkühler an der Außenseite der Gebäude und damit auch keine Geräusche und warme Abluft.
In zwanzig Jahren wird Europa laut Expert*innen in etwa so viel Kühlenergie wie Heizenergie brauchen. Andererseits sollen die Klimaziele erreicht werden. Wie soll sich das ausgehen?
Um Wien klimafreundlich zu beheizen, setzen wir auf den Ausbau der Fernwärme. Dabei wird Wärme in Form von heißem Wasser über ein insgesamt 1.350 Kilometer langes Rohrleitungsnetz an die Verbraucher*innen geliefert.
Wir arbeiten hart daran, die Fernwärme zu dekarbonisieren und raus aus Gas zu kommen. Bisher stammt der Großteil unserer Fernwärme aus der Müllverbrennung, Abwärmenutzung und hocheffizienten Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen. Bis 2040 wollen wir die Fernwärme vollständig klimaneutral machen.
Aber wie sieht es mit der Kühlung aus? Auch hierfür haben wir eine klimaschonende Lösung: Fernkälte.
Was ist Fernkälte?

Fernkälte ist eine umweltfreundliche Art der Kühlung. Dabei wird die Kälte in Form von kaltem Wasser über ein Leitungsnetz zu den Abnehmer*innen transportiert, um dort Räume zu kühlen. Das Wasser nimmt vor Ort die Wärme aus dem Gebäude auf und transportiert diese ab.
Fernkälte wird in eigenen Zentralen mit hocheffizienten Kältemaschinen erzeugt. Dafür setzt Wien Energie zwei verschiedene Arten von Kältemaschinen ein: Absorptionskältemaschinen und Kompressionskältemaschinen. Absorptionskältemaschinen werden mit thermischer Energie, etwa Abwärme aus der Müllverbrennung, angetrieben. Kompressionskältemaschinen werden elektrisch betrieben und funktionieren ähnlich wie ein Kühlschrank.
Derzeit betreiben wir acht Fernkältezentralen. Die jüngste davon befindet sich am MedUni Campus Mariannengasse und verfügt als erste Anlage im Wiener Fernkältenetz über einen Eisspeicher. Außerdem betreiben wir 17 dezentrale Kältezentralen, die Gebäude vor Ort versorgen.

Wie funktioniert Fernkälte konkret?
Ein bisschen kann man sich die Fernkälte wie die Fernwärme vorstellen - nur eben umgekehrt. Wie bei der Fernwärme werden die Objekte von einer zentralen Produktion aus versorgt. Isolierte Rohre transportieren das auf 6 Grad Celsius gekühlte Wasser zu den Kund*innen, mit etwa 16 Grad Celsius fließt es zur neuerlichen Abkühlung wieder zurück.
Es gibt zwei Hauptarten von Kältemaschinen, mit denen Fernkälte erzeugt werden kann: Absorptionskältemaschinen und Kompressionskältemaschinen.
Kühlen mit Fernwärme durch Absorptionskältemaschinen

Absorptionskältemaschinen werden mit thermischer Energie betrieben, zum Beispiel durch Abwärme aus der Müllverbrennung, Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen oder Industrieprozessen. Diese Maschinen nutzen Wärme, um ein Kältemittel zu verdampfen und dadurch Kälte zu erzeugen. So wird vorhandene Abwärme effizient genutzt, um das Wasser auf etwa 5 bis 6 Grad Celsius abzukühlen.
Kühlen mit Kompressionskältemaschinen
Kompressionskältemaschinen funktionieren ähnlich wie herkömmliche Kühlschränke und werden elektrisch betrieben. Dabei wird das Kältemittel mechanisch komprimiert und expandiert, was eine Abkühlung des Wassers ermöglicht.
Der größte Eiswürfel Wiens

Fernkälte wird zwar rund um die Uhr benötigt, der Bedarf steigt aber vor allem an heißen Sommertagen nachmittags nochmal deutlich an. Um solche Verbrauchsspitzen effizient abzudecken, setzen wir auf einen innovativen Eisspeicher. Dieser befindet sich in der Fernkältezentrale am MedUni Campus Mariannengasse. Vereinfacht gesagt handelt es sich dabei um einen rund zehn Meter langen, isolierten Behälter voller Wasser.
In Zeiten mit geringerer Nachfrage, etwa in der Nacht, wird das Wasser zu einem riesigen Eisblock gefroren. Steigt der Kühlbedarf im Tagesverlauf stark an, wird das Eis wieder aufgetaut. Die dabei freigesetzte Kälte wird über Wärmetauscher in das Fernkältenetz eingespeist und kann dort genutzt werden.
Der Eisspeicher funktioniert damit wie eine Art Energiespeicher für Kälte. Er hilft dabei, Verbrauchsspitzen auszugleichen und die Kältemaschinen gleichmäßiger zu betreiben. Das macht die Fernkälte noch effizienter.
Der Eisspeicher ist Teil der Fernkältezentrale am MedUni Campus Mariannengasse – der achten großen Fernkältezentrale im Wiener Fernkältenetz. Dort kommen künftig unter anderem mit Ökostrom betriebene Kältemaschinen, eine Wärmepumpe und eine Absorptionskältemaschine zum Einsatz.
Smarte Kühlung für Wien

Klassische Klimaanlagen verwenden die Außenluft zur Kühlung von Räumen, das kostet viel Strom und somit viel Energie. Außerdem blasen sie die Wärme aus den Gebäuden in der unmittelbaren Umgebung in die Luft. Sie benötigen auch viel mehr Platz, da Rückkühler auf Dächern errichtet werden müssen. Das entspricht oft nicht dem Denkmalschutz und nimmt Platz für Grünpflanzen und Photovoltaikanlagen.
"Bei Fernkälte wird einerseits auf hocheffiziente Großmaschinentechnik gesetzt. Andererseits können aufgrund der Anlagengröße energetisch wesentlich bessere Rückkühlmethoden, verwendet werden," sagt Burkhard Hölzl, Fernkälte-Experte bei Wien Energie.
Gekühlte Möbel vor der Spittelau

Neue Möbel am Vorplatz der Müllverbrennungsanlage Spittelau machen Fernkälte für die Wiener*innen direkt erlebbar. Die sogenannte „Kühlruhe“ wurde von Bergnerdesign entwickelt und werden über die Rücklaufleitungen der Fernkältezentrale Spittelau mit angenehm niedrigen Temperaturen versorgt.
Die Kühlung der Möbel benötigt keine zusätzliche Kühlleistung, sondern nutzt das auf circa 15-20 Grad Celsius erwärmte zurücklaufende Wasser der Fernkälte-Kund*innen. Die Möbel bestehen aus Beton, der sich besonders gut zur Speicherung und langsamen Abgabe von Kälte eignet.
FAQs
Wo kommt Fernkälte zum Einsatz?
Der Großteil der Fernkältekunden ist aus dem öffentlichen Bereich bzw. auch aus dem Gesundheits- und Gewerbesektor wie Bahnhöfe, Universitäten, Museen, Spitäler, Hotels und Bürogebäude. Mittlerweile werden von Wien Energie aber auch andere Gebäude – und teilweise auch Privatwohnungen – mit Fernkälte gekühlt.
Was ist der Fernkältering?
Der Fernkältering unter der Ringstraße wurde 2024 fertiggestellt - ein Jahr früher als geplant! Mit einem 4,7 Kilometer langen Leitungsnetz wurden die Fernkältezentralen am Schottenring und Stubenring verbunden. Das spart Energie, sorgt für eine sichere Versorgung und legt den Grundstein für eine umfassende klimafreundliche Kühlung der Innenstadt.
Zu den bereits mit Fernkälte versorgten Gebäuden am Ring zählen unter anderem die Universität Wien, das Rathaus, das Parlament, die Wiener Staatsoper, das Museum für angewandte Kunst (MAK) sowie zahlreiche Hotels.
Welche Energiequellen werden genutzt?
Die Absorptionskältemaschinen nutzen Abwärme aus Industrie, Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen oder Abfallverbrennung, die das ganze Jahr zur Verfügung steht. Also dieselben Energiequellen, die für die Erzeugung von Fernwärme benutzt werden. Kompressionskältemaschinen werden mit elektrischer Energie betrieben.
Welche Vorteile bietet Fernkälte?
Ja, Fernkälte reduziert die CO₂-Emissionen im Betrieb um über 50 Prozent im Vergleich zu herkömmlichen Klimaanlagen. Durch Nutzung von Abwärme und Ökostrom trägt sie aktiv zur Dekarbonisierung der Gebäudekühlung bei.
Fazit: Doppelt hält besser
Im Sommer erzeugen wir Fernkälte unter anderem mit der Abwärme aus der Müllverbrennung. Im Winter machen wir das Umgekehrte: Aus der Produktion von Fernkälte entsteht Fernwärme. Dazu nutzen wir die Abwärme, die bei der Kälteerzeugung entsteht.
Obwohl Fernkälte ihre Bedarfsspitzen im Sommer hat, wird Kühlung ganzjährig gebraucht. Zu den Abnehmern zählen etwa Rechenzentren oder Großküchen, die auch im Winter Kühlbedarf haben.
In der Fernkältezentrale Hauptbahnhof nutzen zwei Wärmepumpen die Abwärme aus der auch im Winter notwendigen Kälteproduktion. Aus dieser Abwärme können wir rund 65 Grad Celsius gewinnen und in das Fernwärmenetz einspeisen. Die beiden Wärmepumpen haben eine Leistung von 2400 Kilowatt und können bis zu 800 Haushalte mit umweltfreundlicher Fernwärme versorgen.
Die in die Kühlung investierte Energie wird also gleich doppelt genutzt! Außerdem leisten wir dadurch einen weiteren Beitrag zur Dekarbonisierung der Fernwärme, denn die Fernkälte-Anlagen wird mit Ökostrom betrieben.


